Ich kann doch jetzt nicht trauern

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Warum viele Berufstätige ihre Trauer verdrängen

Als Bestatter begegne ich täglich Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben. Ich sehe ihre Trauer, ihren Schmerz – und oft auch ihre Unsicherheit. Viele sind überwältigt von der Aufgabe, eine Beerdigung zu organisieren, während sie gleichzeitig mit ihren eigenen Emotionen ringen. Doch was mich immer wieder bewegt, ist die Art und Weise, wie viele versuchen, ihre Trauer beiseite zu schieben. Sie nehmen sich ein paar Tage frei, erledigen alles Notwendige – und kehren dann so schnell wie möglich in ihren Arbeitsalltag zurück. Als würde das Leben einfach weitergehen müssen. Aber geht das wirklich?

Die unsichtbare Last der Trauer

Trauer folgt keinem Plan. Sie hält sich nicht an Fristen oder Kalender. Und doch spüre ich immer wieder, wie Menschen sie unterdrücken, weil sie denken, keine Zeit dafür zu haben. Ein Mann, Mitte vierzig, saß mir vor einigen Wochen gegenüber. Er hatte seine Mutter verloren. Während wir die Details der Beerdigung besprachen, klingelte sein Handy unaufhörlich. Schließlich seufzte er: „Ich kann doch jetzt nicht trauern. Ich habe so viele Deadlines.“

Ich verstand ihn. Der Tod nimmt keine Rücksicht auf Karriere, Termine oder Verpflichtungen. Aber der Beruf schon. Wer mitten in einem wichtigen Projekt steckt oder Verantwortung trägt, hat oft das Gefühl, nicht innehalten zu können. Und selbst wenn man will – oft fehlt im Job die Akzeptanz dafür. Wer emotional reagiert, könnte als weniger belastbar gelten. Wer sich Zeit für seine Trauer nimmt, fürchtet, nicht ernst genommen zu werden. Also bleibt oft nur der Versuch, weiterzumachen, als wäre nichts geschehen.

Die gesellschaftliche Erwartung, „funktionieren“ zu müssen

Unsere Gesellschaft tut sich schwer mit Trauer. Wer krank ist, bleibt selbstverständlich zu Hause. Doch wer einen geliebten Menschen verliert, bekommt ein paar Tage Sonderurlaub – und dann? Dann erwartet man, dass das Leben normal weitergeht. Dass man „stark“ ist. Doch was bedeutet das eigentlich? Ist es wirklich Stärke, Schmerz zu ignorieren? Oder gehört es nicht viel mehr dazu, ihn anzunehmen?

Viele meiner Kunden erzählen mir, dass sie nach der Beerdigung kaum über ihren Verlust sprechen konnten. Kollegen mieden das Thema, aus Unsicherheit oder Angst, etwas Falsches zu sagen. Manche hörten Sätze wie „Lenk dich doch ab“ oder „Die Arbeit wird dir guttun“. Diese Worte sind oft gut gemeint, doch sie vermitteln unbewusst die Botschaft, dass Trauer keinen Platz hat. Doch sie verschwindet nicht einfach. Sie bleibt – oft verborgen – und kommt irgendwann mit umso größerer Wucht zurück.

Wenn Trauer keinen Raum bekommt

Ich erinnere mich an eine Frau, die ihren Vater verloren hatte. Sie war Managerin in einem großen Unternehmen und nahm sich gerade einmal drei Tage frei. Danach arbeitete sie weiter, als wäre nichts gewesen. Monate später kam sie erneut in mein Bestattungsinstitut – diesmal nicht wegen eines neuen Todesfalls, sondern weil sie reden wollte. Sie erzählte mir von Schlafproblemen, Gereiztheit, Panikattacken. Erst nach und nach wurde ihr klar: Sie hatte sich selbst nicht erlaubt zu trauern.

Das ist keine Seltenheit. Verdrängte Trauer sucht sich andere Wege – oft über den Körper oder die Psyche. Manche Menschen bekommen Kopfschmerzen, Magenprobleme oder werden dauerhaft erschöpft. Andere erleben Angstzustände oder das Gefühl, innerlich leer zu sein. Trauer verschwindet nicht, nur weil man sie ignoriert. Sie braucht Raum, um heilen zu können.

Was können Unternehmen tun?

Langsam beginnt ein Umdenken. Einige Unternehmen bieten inzwischen Trauerbegleitung an oder gewähren längere Freistellungen. Doch das ist noch nicht überall der Fall. Dabei wäre es so wichtig, dass Arbeitgeber erkennen: Ein trauernder Mitarbeiter ist nicht weniger leistungsfähig – er braucht nur Zeit, um seinen Verlust zu verarbeiten. Ein Arbeitsumfeld, das den offenen Umgang mit Trauer erlaubt, kann viel bewirken. Wenn es nicht als Schwäche gilt, traurig zu sein, wenn Kollegen wissen, wie sie unterstützen können, dann fühlt sich niemand gezwungen, seine Emotionen zu verstecken.

Wie kann man selbst mit der eigenen Trauer umgehen?

Für Berufstätige, die das Gefühl haben, nicht trauern zu dürfen, kann es helfen, sich bewusst kleine Momente der Trauer zu nehmen. Vielleicht bedeutet das, sich feste Zeiten zu setzen, um an den Verstorbenen zu denken. Vielleicht hilft es, ein Ritual zu schaffen, das Trost spendet – sei es ein Spaziergang, das Schreiben von Erinnerungen oder ein Gespräch mit jemandem, der versteht, was man durchmacht. Das Wichtigste ist: Sich selbst zu erlauben, traurig zu sein. Ohne schlechtes Gewissen, ohne Angst, nicht „zu funktionieren“.

Trauer ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Liebe. Sie zeigt, dass ein Mensch eine bedeutende Rolle in unserem Leben hatte. Sie braucht Zeit – und die sollten wir uns nehmen. Denn wer sich erlaubt zu trauern, gibt sich selbst die Chance, wirklich zu heilen. Wer hingegen versucht, die Trauer zu verdrängen, riskiert, dass sie irgendwann mit voller Kraft zurückkommt.

Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit

Als Bestatter sehe ich jeden Tag, wie wertvoll das Leben ist – und wie schnell sich alles verändern kann. Der Tod erinnert uns daran, was wirklich zählt: nicht die To-do-Listen, nicht die Deadlines, sondern die Menschen, die uns am Herzen liegen. Doch in unserer hektischen Welt vergessen wir das oft. Wir hetzen von Termin zu Termin und übersehen dabei, dass das Wichtigste im Leben nicht messbar ist.

Vielleicht sollten wir alle ein wenig mehr innehalten. Uns fragen, wie wir selbst einmal behandelt werden möchten, wenn wir trauern. Mehr Verständnis füreinander aufbringen. Uns selbst erlauben, menschlich zu sein. Denn am Ende zählt nicht, ob wir „funktioniert“ haben – sondern wie wir gelebt haben.